Tanzbalz …

Illu: Veronica Burnuthian

Illu: Veronica Burnuthian

Freitagabend. Im Epizentrum des Parketts stehe ich mir die Beine in den Blähbauch und halte brav den von Mutti indoktrinierten katholischen Abstand zur diffusen Damenwelt. Die leichtfüßigen Ladys duften nach estrogenem Eau de Toilette und ich, der greise Grobmotoriker und alternde Arthrosenkavalier, nach schalem Eau de Transpirant. Die rasende Masse treibt mich in die Ecke, von wo aus ich gazellenhafte Grazien lüstern dabei beäuge, wie sie schamlos ihr rhythmisches Körperritual zu ohrenbetäubend akustischen Impulsen zelebrieren. Ach, wenn Blicke vögeln könnten, aber wie so häufig scheint die Gunst der Schäferstunde aussichtslos wie Stalingrad.

Nominell ist Tanzen die künstlerisch ausgedrückte Unfähigkeit, still zu sitzen. Für mich, Koordinationstrottel und Konservus Eloquenzus zugleich, ist es eher die vertikale Frustration einer horizontalen Begierde. Es gibt de facto lediglich zwei Dinge, die mich daran hindern, zum begnadeten Bewegungswunder zu avancieren: mein linker und mein rechter Plattfuß. Als einer, der es ob seiner gutgemeinten mütterlichen Erziehung gewohnt ist, nach jemandes Pfeife zu tanzen, habe ich mich zudem ausreichend mit theoretischem Tanz beschäftigt, um nachzuvollziehen, dass man z. B. einen gewandten Tangotänzer an seinem feuchten Knie erkennt.

Ohne Vorwarnung tippt mich eine optische Maus an: „Bist du für den nächsten Tanz vergeben?“ „Oh nein, ich bin frei!“ „Kannst du wohl für ca. zehn Minuten mein Sprizz-Glas halten?“ Ich markiere einen Wimpernschlag lang den wilden Mann, erwidere schließlich: „Wenn’s Umstände macht, gerne …“ – und sie schwebt zufrieden mit einem schaumbärtigen Milchreisbubi von dannen.


Ich halts mit der Glühbirne und trags mit Fassung, denn die Situation neulich gestaltete sich weitaus verzwickter: Ich war des Nachts durch einige Etablissements im Glockenbachviertel gepirscht. Bei meiner letzten Station scharwenzelte plötzlich eine listige Lachmeralda um mich herum, die äußerlich einer sachverständigen Dozentin am Institut für angewandte Ornithologie ähnelte. Allegro ma non troppo schickte ich mich an, als unvergessliche Kerbe an ihrem Bettpfosten zu enden. Engumschlungen ließ ich gehörig die Puppe tanzen. Wir gingen sukzessive auf Tuchfühlung und ich befehligte meinem hitzigen Hosenschritt: „Denk bloß ned dran, jetzt schon das Festzelt aufzubauen! Ein einziger Gedanke herrschte vor: Keine Erektion! KEINE EREKTION!! Doch dann bekam sie eine …

© 07/2013 by Christoph Brandt
Text aus curt Magazin München #75, www.curt.de

BITTE ARTIKEL TEILEN! / PLEASE SHARE ARTICLE!
Share on Facebook0Share on Google+0Tweet about this on Twitter1Pin on Pinterest0Share on StumbleUpon58Share on LinkedIn0Buffer this pageShare on Tumblr0Email this to someone
12
Aug 2013
GEPOSTED VON
KATEGORIE Hirnverbrandtes
DISKUSSION 0 Kommentare
Trackback: http://www.hirnverbrandt.de/10646/tanzbalz/trackback/

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *