Mästen …

Es passierte vor einem halben Jahr in meiner Stammdisco „Zum alten Hut“. Ich schunkelte mich gerade mit ein paar anderen Junggebliebenen zu den zauberhaften Klängen von „Over the Rainbow“ in Trance, als ich plötzlich den Blick der knuffigsten Glubschäuglein dieser Erde erhaschte. Sofort war es um mich geschehen.

Mutig sprach ich die von mir Angebetete an und lud sie für den nächsten Tag zu Tisch. Zwei Croissants, drei Maxi-Menüs und vier heiße Apfeltaschen später schwebten wir schon händchenhaltend zu mir nach Hause, wo ich Trixie auch gleich meiner Mutter vorstellte. Mama quengelte irritiert ob meiner ersten Eroberung. Die beiden Grazien kamen sich jedoch bei Cola und Kuchen näher und kicherten mit ihren sahneverschmierten Mäulern um die Wette. Mama, die es seit jeher nur gut mit mir meint, bildete sich im Lauf der Zeit ein, Trixie besäße mehr innere Werte als äußere; man sollte mein possierliches Butterflöckchen am besten wenden. Mir erschien dieser neidische Nonsens eher nichtig. Das Einzige, woran es meinem goldigen Glückskekschen mangelte, war eine gehörige Portion Speck auf ihren spärlichen Hüften. Ohne Umschweife machte ich mich ans Werk. Dabei sah ich mich in der Rolle des rastlosen Künstlers, wie Joseph Beuys, der mit der formvollendeten Fettecke herumexperimentierte. Oder des Dealers, der seinen geliebten Kalorienjunkie stets mit hochprozentigsten Kohlenhydraten versorgt.

Aller Umfang ist schwer, aber Trixie, meine von mir vergötterte Eier legende Wollmilchsau, schaufelte alles bedingungslos in sich hinein und fühlte sich sichtlich wohl in ihrer zunehmend schwabbligeren Haut. Noch vor sechs Monaten glich die ausgemergelte Statur meines tapsigen Trüffelstückchens eher einer Hundehütte: in jeder Ecke ein Knochen. Bei Trixies damaligem Anblick hätte man meinen können, es wäre eine Hungersnot ausgebrochen. Heutzutage hat man dagegen das Gefühl, mein voluminöser Nimmersatt wäre maßgeblich schuld daran. Trixie ist zwar jetzt weniger flink, dafür schön wie eine Gazelle, oder wie nennt man das graue Tier mit dem Rüssel?


© 12/2010 by Christoph Brandt
Text aus der Rubrik “curt vergleicht”, curt Magazin München #66,  www.curt.de

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05
Okt 2011
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