Fetter Wein …

Der weltweit Ton angebendste Weinkritiker Robert Parker ist total spitz auf sie: Seit den 90er-Jahren überschüttet er die von ihm so geschätzten Gelee-Rebsäfte aus Kalifornien mit positiven Bewertungen, was deren zukünftigen Marktwerk meist erheblich potenzierte. Schnell rochen profitgeile internationale Unternehmen Lunte, sprangen auf den Zug auf und begannen vielerorts, Massen an besonders starken, sprich fetten Tropfen zu produzieren. Dem weinbrandt ist dieser grausige Trend gehörig zu Kopf gestiegen. Denn er bevorzugt eher den deutlich gefälligeren, trotzdem äußerst eleganten Stil, wie er etwa bei den französischen Bordeauxwinzern vorherrscht. Dagegen eine Wein-Wuchtbrumme zu genießen; das ist für ihn vergleichbar mit körperlicher Liebe zu einer ziemlich dicken Dame: Es ist möglich, es mag sogar Vergnügen bereiten, aber es erfordert zudem ein gewisses Maß an Masochismus. Mit „Fett“ wird die Konsistenz von Weinen bezeichnet, die in der Regel einen hohen Alkohol- sowie einen geringen Säuregehalt aufweisen. Sie kosten sich freilich voll und ölig im Geschmack, riechen aber oft verkocht und dropsig. Im Extremfall kommen sie wie artifizielle Flüssig-Marmelade daher. Einflussfaktoren darauf sind vor allem zu warme Gärtemperaturen, biochemisch aufgepimpte Hefen und überreifes Traubenmaterial. Im heißen Ausnahmejahrgang 2003 wurden beispielsweise in mehreren deutschen Anbaugebieten Rote mit knapp 17 Vol.-% hergestellt. Grundsätzlich nichts für den weinbrandt, ihm reicht es völlig wenn er ab und an durch seinen maßlosen Durst fett ist, fett wie eine Feldhaubitze. Davon weiß er wahrlich ein Trinkliedchen zu singen. Beim Schwenken kann man kräftige Gewächse optisch gut an den langsam an der Weinglaswand herablaufenden Tropfen erkennen. Je dichter die Tränen zusammenfließen bzw. je kleiner die Abstände zwischen den sogenannten „Kirchenfenstern“ sind, desto alkoholischer, intensiver und viskoser ist der Inhalt. Ein deftiges Gericht verträgt sich sicherlich besser mit Weinen, die reich an Säure, Gerbstoff und Alkohol sind. Es kann jedoch auch mit leichten Sorten kombiniert werden. Hier kommt es auf den Kontrast an: Ein spritziger, spürbar fruchtiger Wein mit einem Hauch Süße lockert das Essen auf. Dann passt eine Pfälzer Weißburgunder Spätlese auf einmal wunderbar zur Ente. Diätfanatikern sei übrigens gesagt, dass ein Viertel schwerer Rotwein ca. 160 kcal besitzt und schon fast für sich allein eine Mahlzeit darstellt. Diejenigen, die mit Genuss Fett verbrennen möchten, sollten es deshalb halten wie der weinbrandt: Einfach den Grill anschmeißen! Der weinbrandt rät: Finger weg von fettem Wein! Und vergebenen Frauen. Da spricht er aus Erfahrung … © 12/2010 by Christoph Brandt Text aus der Rubrik “der weinbrandt rät …”, curt Magazin München #66, www.curt.de

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06
Okt 2011
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