Tod dem prätentiösen Probeschluck …

Illu: Katharina Konte

Illu: Katharina Konte

Seelenruhig sitzt der weinbrandt in einem großbürgerlichen Restaurant und lässt saturiert sein vorangegangenes Gelage sacken. Gezwungenermaßen ist er dabei Zeuge folgendes Szenarios: Am Nachbartisch ordert ein unsterblich verliebtes Pärchen eine Flasche Wein. Als der Ober andächtig die Pulle entschraubt und dem poussierenden Süßholzraspler galant einen Probeschluck feilbietet, nimmt das himmelschreiende Unheil seinen Lauf.

Affektiert unterbricht der Möchtegern-Macker sein lockeres Umkleideraumgeplänkel. Statt seiner Herzensdame umklammert er nun sein Glas, um im selben Moment konfus damit herumzufuchteln. Anschließend hält er sich das fast schaumig geschüttelte Getränk unter seinen Riechkolben und beginnt es inbrünstig zu inhalieren. Zu guter Letzt nimmt der Eindruck schindende Universaldilettant einen kräftigen Zug. Nach schier endlosem Gurgeln, Schlürfen und geräuschvollem Schmatzen verkündet er mit stolzgeschwellter Brust: „Welch widerliches Gesöff! Man bringe mir unverzüglich den 2016er Rüpelsheimer Nierentritt!“

„Das ist so was von typisch!“, echauffiert sich der stets penible weinbrandt im Stillen, dem bei einer solchen Schaumschlägerei gehörig der Kamm schwillt. Der Probierschluck ist keineswegs dazu gedacht, die Entscheidung für einen Wein zu revidieren, sondern dient vorrangig zur Prüfung der Temperatur und ob der Wein Fehler hat. Sollte man nach dem ersten Schnuppern unsicher sein, darf man den Wein ruhig einmal kurz im Glas schwenken und somit leicht belüften. Aber Achtung, wir sind hier schließlich nicht in der Chantré-Werbung und Wein ist auf keinen Fall besser, nur weil er mehr Umdrehungen hat! Daraufhin riecht man ein zweites Mal: Solange sich weder ein muffiger, noch ein modriger Ton erkennen lässt, nickt man dem Ober freundlich zu. Das war’s. Mit jedem Stück mehr wichtigtuerischem Gehabe macht man sich bloß unnötig zum Affen. Natürlich ist eine schlechte Beratung durch den Sommelier durchaus ein Grund, die Flasche im Restaurant zurückgehen zu lassen. Wird beispielsweise ein Roter „ohne Barrique“ versprochen und der Wein enthält später aber eine unverkennbare Holz-Note, kann man ihn bedenkenlos reklamieren.


Der weinbrandt rät: Nicht blamieren beim Weinprobieren! Möchte man dem Kellner partout signalisieren, dass man ein mit allen Wassern gewaschener Connaisseur ist, riecht man zunächst am leeren Glas, um zu prüfen, ob es nach Reinigungsmitteln duftet. Denn das machen nur die „echten“ Profis – wie eure Promillenz, der weinbrandt.

© 02/2017 by Christoph Brandt
Text aus der Rubrik „der weinbrandt rät …“, curt Magazin München #86, www.curt.de

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04
Jul 2017
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