Männlich, alleinstehend, im besten Alter …

Die Sonne scheint, die Isar rauscht, die Vögel zwitschern. Es ist der lästigste Tag der Woche: Super-Single-Selbstmord-Sonntag. Im nördlichen Teil des E-Gartens liege ich allein auf einer grasgrünen Wiese und in den letzten Zügen meines postalkoholischen Intoxikationssyndroms.

Illu: Valentin Plank

Etwa 150 Meter weiter brutzelt ein feuerrotes Fleischknäuel vor sich hin, dass sich bei genauerer Betrachtung als zügellos herumkopulierendes Pärchen entpuppt. Mir fällt es schwer wegzusehen; ich komme mir vor wie ein Maschinenbauer im Pädagogik-Gebäude, sprich wie ein speichelschlürfender Sextourist. Meine Familienjuwelen fühlen sich an, als wäre in ihnen Cola mit Mentos vermischt. Ich bin kein Hengst für eine Nacht, mir genügt schon eine halbe Stunde, aber wenn mein Intimleben sich noch weitere Monate dermaßen dürftig gestaltet, muss ich zwangsläufig den gepriesenen Busen-Knet-Tag erneut aus meinem Kalender streichen. Mittlerweile betrachte ich Beischlaf eher unter dem olympischen Aspekt: Dabeisein ist alles!

Frustriert starre ich in den blau-weiß-bajuwarischen Himmel. Kürzlich hat mir mein Couchologe noch geraten, bei leichter Depression helfe ein Bad mit ätherischen Ölen und bei schwerer ein Bad mit Föhn. Quacksalber! Ich nenne seit Jahren eine kahlköpfige Birne mein Eigen und verfüge mitnichten über eine derartige Gerätschaft. Daher beschließe ich, mich mit meinem ausweglosen Single-Dasein lieber optimistisch zu befassen.

ElitePartner.de

Nirgendwo anders tummeln sich Myriaden so adrett anzuschauender Menschen. Mich eingeschlossen. München wimmelt von herrlich heißen Hungerhaken und willigen Wuchtbrummen. Zwar wünschen sich hier mehr und mehr Junggesellinnen einen Hund – der pinkelt niemals im Stehen auf die Klobrille und lässt sich einfacher an der kurzen Leine führen –, aber im Leben einer jeden einzigen gibt es immer eine Lücke, die ein designierter Hausfrauenbefeuchter wie ich locker auszufüllen vermag.

Ich habe mir von einem befreundeten Ehekrüppel sagen lassen, dass Beziehungen einer belagerten Burg gleichen: diejenigen, die drinnen sind, wollen sehnlichst raus und die, die draußen sind, möchten unbedingt rein. Ich zähle mich zu letzteren und begehre baldigen Einlass in diese unüberwindbar anmutende Festung. Ich lechze nach trauter Zweisamkeit und femininer Fremdbestimmung. Sofort nehme ich das waghalsige Projekt in Angriff. Flötensolo war gestern. Ich schnelle hoch und schreie aufgekratzt in Richtung des publik poppenden Duos:  Attacke! Die Nächste wird die Beste sein!

© 11/2011 by Christoph Brandt
Text aus der Rubrik “curt vergleicht”, curt Magazin München #70,  www.curt.de
 
03
Jan 2012
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KATEGORIE Hirnverbrandtes
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