What happens in Vegas stays in Vegas …

Fakt ist, ich bin infiziert und eine Chance auf baldige Genesung scheint unabsehbar: Das Pokerfieber hat mich gepackt.

Eines faden Sonntagnachmittags, als ich beim Zappen auf DSF hängen geblieben war, wo gerade der Final-Table des 2003 WSOP-Main-Events übertragen wurde, steckte ich mich an. Der Amateur Chris Moneymaker hatte sich über ein 39 $-Onlineturnier für den weltweit bedeutendsten Pokerwettkampf qualifiziert und dort schließlich den mit 2,5 Millionen Dollar dotierten ersten Platz errungen. Ich, der lausbübische Lebenskünstler, der sich regelmäßig fragen durfte, warum am Ende des Geldes immer so viel Monat übrig blieb, war total angefixt. Auf Anhieb nahm ich mir vor, mich durch eiligst errungenen Erfolg beim Zocken an der mich sukzessiv vernachlässigenden Finanzwelt zu rächen.

Ich verlebte von nun an jede freie Minute inbrünstig für das faszinierende Kartenspiel. Ich ernährte mich fast ausschließlich von Pokerchips, trank im Verlauf meiner endlosen Pokerstars-Cashgame-Sessions Unmengen von Phil Hellmuths „All In Energy Root Beer“ und hockte danach meist stundenlang auf dem stillen Örtchen. Nicht etwa, weil mir mein zügelloses Zockerdasein auf den Magen geschlagen war, sondern weil ich die dortige Ruhe intensiv für das Studium von Pokerliteratur und das Lösen stochastischer Aufgaben nutzte. Irgendwann hatte ich mir sowohl virtuell als auch beim Live-Spiel in schummrigen Barhinterzimmern eine respektable Bankroll erwirtschaftet. Was sollte also der baldigen Verwirklichung meines größten Wunsches noch im Wege stehen?

Am Tag meines Abflugs nach Las Vegas schickte mich meine beleidigte Lebensabschnittsbevollmächtigte in die Wüste. Bea hatte sich seit geraumer Zeit laut eigener Aussage in meiner Gegenwart immer häufiger als Ass mit schlechter Beikarte empfunden. Bis heute klingen mir ihre Abschiedsworte im Ohr: „Pokern ist wie Sex – ein jeder denkt, er sei der Beste, allerdings wissen nur ganz wenige tatsächlich, was sie tun.“ Ich zeigte ihr die kalte Schulter und konterte pikiert: „Die Karten sind wie Frauen – du kannst investieren und investieren. Ob es sich gelohnt hat, weißt du erst, wenn sie vor dir liegen.“ Sei’s drum, es blieb keine Zeit für eine schmerzhafte Neubewertung der Situation. Kurz darauf saß ich im Flieger und war dermaßen aufgeregt, mir stand mehr Wasser auf der Stirn als Mutter Beimer in den Beinen.

Gegen Abend traf ich in der glitzernden Glücksspielmetropole ein. Auf dem stattlichen Strip schenkte ich Sehenswürdigkeiten wie den Pyramiden, dem Eiffelturm, der Skyline von New York und dem römischen Kolosseum kaum Beachtung. Mein kompletter Fokus konzentrierte sich auf einen sehr speziellen Ort. Plötzlich baute sich die pompöse Fassade des Bellagio Hotels vor mir auf: das Kasino, in dem sich schon eines meiner Idole, nämlich Danny Ocean, mit massig Moneten bereichert hatte. Endlich war ich am Ziel meiner Wallfahrt angekommen. Inmitten des wuseligen Eingangsbereichs warf ich mich völlig überwältigt auf den Marmorboden, um in einem kurzen Stoßgebet der Göttin Fortuna zu huldigen. Einige Minuten später bahnte ich mir den Weg durch den Automaten-Dschungel und erreichte zu guter Letzt die für mich heilige Pokerhalle. Als ich an einem der Tische Platz nahm, genehmigte ich mir zur Beruhigung zunächst ein paar Gin Tonics. Dann gings los.


Eigentlich sind Karten bloß dazu da, die schlechten Spieler zu verwirren, aber ich hielt AK in Karo auf der Hand und raiste deshalb mit zittriger Stimme auf dreifachen Big Blind. Ein grimmig dreinschauender Typ Anfang Ranzig callte als einziger mein Gebot und wir sahen uns den Flop an: QJ10, alles Karo. Royal Flush! Ich checkte und setzte alles daran, ein möglichst gelangweiltes Pokerface zu bewahren, als mein Gegenüber überraschend sein All-In proklamierte. Ohne Umschweife schob ich meinen gesamten Chipsstapel in die Mitte und feixte siegessicher: „Die einzige Hand, die diese Hand schlagen kann, ist die von Chuck Norris!“

Das, was im Folgenden passierte, kann ich bis dato nur bruchstückhaft zu Protokoll geben. Der Dealer sprang auf und hielt ein Jackpot-Schild in die Höhe. Sofort wurde ich von bulligen Sicherheitsmännern umzingelt, die sich schnaubend bemühten, die staunende Menge von mir fernzuhalten. Ich wurde in Bobby’s Room geleitet, in dem sich die High Roller Phil Ivey und Tom Dwan ein Heads-Up Duell geliefert hatten. Beide klatschten kumpelhaft mit mir ab und wir drei machten uns durch einen geheimen Hinterausgang auf, meinen triumphalen Sieg gebührend zu feiern.

Zuerst nahmen wir ein kühlendes Bad im Brunnen des Caesars Palace. Natürlich hatten wir vorsorglich den Concierge beauftragt, das Becken statt mit profanem Wasser mit Cristal Champagner auffüllen zu lassen. Voll wie ein russischer Elternabend liehen wir uns eine schwarze Schnittenschaukel und heizten mit über 250 Sachen die Vergnügungsmeile entlang. Letzten Endes blieb der Lamborghini zwar in einer Sanddüne stecken, aber ein Anruf genügte und man holte uns flugs in einem Helikopter ab. Wir drehten einige Runden über den Grand Canyon und landeten als nächstes in Siegfried und Roys riesiger Gartenanlage. Dort durfte ich einer exklusiven Albinotiger-Privatshow beiwohnen. Als es mir zu bunt wurde, zauberte mich Siegfried direkt in eine imposante Suite im obersten Stock des Bellagio. Aufgedreht warf ich mich aufs Bett, in dem sich bereits ein rothaariges Topmodel räkelte. Nach einer erschöpfenden Liebesnacht ließ ich Ferran Adrià aus Spanien einfliegen, der uns zum Frühstück mit molekularem Melonenkaviar und mit reichlich Blattgold belegte Bagels kredenzte …

Mit pochenden Schläfen erwache ich aus dem konfusen Fiebertraum. Verdutzt und wirres Zeug brabbelnd blicke ich in Beas besorgtes Gesicht. Sie schaltet die Glotze aus, legt mir einen Waschlappen auf meine glühende Stirn und zwinkert mir aufmunternd zu: „Lass es raus, Baby …“

© 06/2011 by Christoph Brandt
Text aus der Rubrik “Spieltrieb”, curt Magazin München #68,  www.curt.de

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06
Aug 2011
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