Alte Sprache …

Ich nehme folgende Bekanntmachung am Schwarzen Brett in Augenschein und fühle mich postwendend eklatant enthusiasmiert: „Das Seminar Zeitreisen für Fortgeschrittene findet am vergangenen Sonnabend statt.“  Eine solch fabelhafte Flause könnte auf meinem meschuggen Mist gewachsen sein. Jene blitzgescheiten Eierköpfe treffen genau ins Schwarze. Verflixt und zugenäht, momentan geht doch jedwedes den Bach herunter. Das vermag ich mit Fug und Recht zu behaupten.

Illu: Karin Teutsch

Inmitten des Mesozoikums, als mein geleckter Großpapa gemeinsam mit mir, einem Dreikäsehoch von lästigem Lausbub, auf dem Rücken eines Dinosauriers im Sauseschritt zur Maloche auf dem Feld preschte – ja damals, da gab es noch Tugenden. Der Olle räsonierte: „Iss deinen Teller leer, sonst scheint morgen keinen Deut die Sonne!“ Ich, der weiland einen Tacken im Oberstübchen besaß, nahm mir seine rüffelnde Bauernschläue gelinde zu Herzen. Aber was ist die heutige Moral von der Geschicht? Treibhauseffekt und adipöse Pennäler! Derweil fahren unsere werten Volkszertreter mit ihrem Kokolores den Karren an die Wand. A jour steuern wir in konstanter Marschroute gen Orkus, gleich törichter Ratten, die der sinkenden Schaluppe entgegenschwimmen.


In puncto Frauenzimmer fügte sich obendrein alles um einiges pläsierlicher. Was Beziehungskisten angeht, leistete ich ehedem als neckischer Kavalier und gewiefter Sittenstrolch pompöse Pionierarbeit. Allmählich beschleicht mich jedoch frappantes Fracksausen. Völlig ausgeschlossen, dass ich mich schon zum alten Eisen zähle. Ich bin eine gesunde Mischung aus grün hinter den Ohren und jemandem, der gleichwohl etwas auf dem Kerbholz hat. Existiert in derartiger Form quasi nur bei saloppen Straßendirnen.

Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben. Wer zu früh kommt, den rügt die Gemahlin. Und wer auf den Hund gekommen ist, sollte schni-schna-schnappi unbedingt auf sein kostbares Gemächt achtgeben. Diesbezüglich bin ich in der Lage, en masse aus dem Nähkästchen zu plaudern. Nach drei Dekaden Ehejoch gestattet mir meine einstige Herzensdame und aktuell keifende Zimtzicke nur alle Jubeljahre Schäferstündchen. Wenn sie nicht mit offener Schnute auf der Chaiselongue schnarchen würde, gelänge mir gar kein goldener Schuss mehr. Zur Stunde befinde ich mich auf einer ausgedehnten Geschlechtsreise und mache Anstalten, jede sich mir bietende Opportunität resolut auszuschöpfen: blutjunger Mauerblümchensex, karitatives Beschlafen einer vorsintflutlichen Knutschkugel oder es einfach mal mit einem schnieken Schindluder zu treiben.

© 03/2012 by Christoph Brandt
Text aus der Rubrik “curt vergleicht”, curt Magazin München #71, www.curt.de
 
18
Apr 2012
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KATEGORIE Hirnverbrandtes
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