Wein-Zeitreise …

der_weinbrandt_raetSeit jeher versuchen die Menschen, ihre Nahrungsmittel dauerhaft haltbar zu machen. Schließlich sichert das Vorräte in harten Zeiten der Entbehrung. Dieser Tage liest der weinbrandt – selbst ein lebendes Fossil – häufiger über genießbare Gewürzgurken im Glas von 1928, Schweineschmalz-Care-Pakete, die man nach dem Zweiten Weltkrieg in millionenfacher Ausführung frei in West-Deutschland verteilte und die jetzt knickerigen Friedhofsverweigerern die Existenz sichern oder Polarforschern, die Mitte des 19. Jahrhunderts statt durch die klirrende Kälte noch von einer Bleivergiftung ihrer minderwertigen Konservendosenverpflegung dahingerafft wurden. Aber wie ist es eigentlich um die Wein-Widerstandsfähigkeit bestellt?

Ständig neue archäologische Funde lassen die Trophäe des altertümlichsten Rebsafts der Menschheitsgeschichte um den gesamten Globus wandern. Aktuell dürfen sich die Chinesen mit jenem kulturhistorisch prestigeträchtigen Preis schmücken. Nach Ausgrabungen in der Provinz Henan kam man zur Überzeugung, dass die dortige Bevölkerung bereits vor über 9.000 Jahren die Methoden zur Weinerzeugung kannte.

2010 fanden Taucher vor den finnischen Aland-Inseln in einem Schiffswrack edle Fracht: Champagner, Jahrgang 1780, vollends intakt und durch das kaum salzhaltige und konstant 4 Grad kalte Ostseewasser optimal konserviert. Bei einer Auktion zahlte ein Connaisseur 30.000 Euro für eine einzige Flasche dieser kulinarischen Kostbarkeit.

In unseren Landen kann man auch die eine oder andere Wein-Rarität aufspüren, die aus weiter Vergangenheit herrührt. In Speyer steht eine Pulle, die um etwa 300 nach Christus als Beigabe in einen römischen Steinsarkophag gelegt wurde. Die gelb-grünliche Flüssigkeit ist vom mikrobiologischen Aspekt her keineswegs verdorben, sie dürfte aber sogar dem weinbrandt keine Freude mehr bereiten. Obwohl er stetig die Meinung vertritt: Je oller die Frucht, desto süßer ihr Saft.


Der wohl älteste noch trinkbare Wein der Welt lagert in einem legendären Fass im Bremer Ratskeller. Der sogenannte Rüdesheimer Apostelwein stammt von 1727 und schmeckt nach halbtrockenem Sherry, Kaffee und Leder. Eine 2000 abgefüllte 0,375-Literflasche erbrachte 6.500 Euro bei Christie’s.

Manche Menschen werden im Gegensatz zu Wein zwar alt, aber selten reif. Der siebengescheite weinbrandt, der sich liebend gerne mit Auslaufmodellen amüsiert und darauf schwört, dass man Segeln nur auf in die Jahre gekommenen Fregatten lernt, rät: Gereifte Weine sind wie eine betagte Dame – zurückhaltend, unbeständig und selten zufriedenzustellen. Wann immer man sie anbricht, riskiert man, enttäuscht zu werden. Sind sie jedoch in Form – und das sind sie bei guter Pflege meistens – ach, welch wundervolle Wonnen!

© 03/2012 by Christoph Brandt
Text aus der Rubrik “der weinbrandt rät …”, curt Magazin München #71, www.curt.de

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20
Apr 2012
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