Schiacher Wein …

Wenn sich mal wieder kurzfristig Besuch ankündigt, will der weinbrandt seine werten Gäste natürlich auch nach Strich und Faden verpflegen. Dumm nur, wenn sich just in dem Moment der Inhalt der Speiskammer genauso präsentiert wie sonst die Ausreden des weinbrandts: verhältnismäßig mager oder schon ziemlich faul. Aber selbstverständlich hält der weinbrandt einen Trumpf in der Hinterhand. Denn das, was wir nicht essen, könnten wir ja trinken: nämlich Wein aus grau angeschimmelten Trauben.

Im 18. Jahrhundert musste der Fürstabt von Fulda, damaliger Besitzer des Weinguts Schloss Johannisburg im Rheingau, jedes Jahr aufs Neue die Genehmigung zum Beginn der Lese erteilen. Das entsprechende Schriftstück überbrachte ein Reiter. Angesichts widriger Umstände verspätete sich der Bote im Jahre 1775. Als er schließlich ankam, war ein Großteil der Ernte bereits rosinenartig eingeschrumpelt und vermodert. Jene Trauben wurden von den Mönchen separat gekeltert. Verzückt berichteten sie dem Abt von dem daraus gewonnenen Ergebnis und deklarierten ihn als „süßer Schweiß der Engel“. Zufällig war man auf die Vorzüge der verspäteten Lese und den positiven Effekt des Schimmelpilzes „Botrytis cinerea“ gestoßen. Auf unreifen Beeren ruft er die gefürchtete Rohfäule hervor, die befallenen Trauben sind für die Weinherstellung unbrauchbar. Entwickelt sich die Botrytis jedoch auf gesundem, voll ausgereiftem Traubenmaterial, perforiert die sogenannte Edelfäule die Beerenhaut. Dadurch verdunstet der Wasseranteil im Saft, was wiederum zur Folge hat, dass sich sowohl die Ansammlung an Fructose als auch die Konzentration der charakteristischen Aromastoffe der jeweiligen Rebsorte steigern. Der Most ist dann so zuckerreich, dass er gar nicht mehr vollständig vergoren werden kann und deshalb dem Endprodukt eine raffinierte Süße verleiht.

Die bedeutendsten edelsüßen Tropfen sind die Tokajer aus Ungarn, die französischen Sauternes sowie die österreichischen bzw. deutschen Auslesen. Sie gedeihen gerade in Anbaugebieten mit gemäßigtem Klima, z.B. an Flüssen wie Rhein und Mosel, dort wo feuchte Morgennebel auftreten, die von warmer Herbstluft aufgelöst werden. Die filigrane Produktion ist meist kümmerlich und sehr arbeitsaufwendig, was Trockenbeerenauslesen zu den seltensten und teuersten Weinen überhaupt macht. Deren braune Trauben mögen zwar unansehnlich sein, aber hier verhält es sich wie bei den Damen: Es gibt keine schiachen Frauen, es gibt nur zu wenig Alkohol. Für den weinbrandt jedenfalls sind sie die leckerste Limo der Welt.


Der weinbrandt rät: 2008 Monzinger Halenberg Riesling Auslese, Weingut Emrich-Schönleber, Nahe,  ca. 22 € ab Hof.

© 03/2011 by Christoph Brandt
Text aus der Rubrik “der weinbrandt rät …”, curt Magazin München #67, www.curt.de

BITTE ARTIKEL TEILEN! / PLEASE SHARE ARTICLE!
Share on Facebook0Share on Google+0Tweet about this on Twitter0Pin on Pinterest0Share on StumbleUpon0Share on LinkedIn0Buffer this pageShare on Tumblr0Email this to someone
25
Aug 2011
GEPOSTED VON
KATEGORIE Hirnverbrandtes
DISKUSSION 0 Kommentare
Trackback: http://www.hirnverbrandt.de/541/schiacher-wein/trackback/

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *