Reden ist Silber …

Gut, ich muss zugeben, es fing unerfreulich an, ließ in der Mitte etwas nach und über die letzten Wochen verlieren wir besser kein Wort. Dennoch verlief der Rest der Beziehung recht ordentlich. Bis gestern.

In der Glotze richtete „Alexander Hold“ und ich hatte es mir mit einer Schale Nüsschen und einem Sixpack Oettinger auf der Couch gemütlich gemacht. Eben noch war ich frohen Mutes und total der Überzeugung, Hauptsache, man ist gesund und die Frau hat Arbeit, da platzte meine holde Heidrun krakeelend durch die Wohnungstür: „Liebling, wir müssen reden!“ Im Normalfall rauscht solch eine prekäre Situation sofort durch meinen neuronalen Spamfilter. Als sie mich jedoch mit jenem leidenden Hundeblick anstierte, den sonst nur triefäugige Basset-Hunde so meisterlich beherrschen, begriff sogar ein Spätzünder wie ich, dass sie es wieder mal todernst meinte. Ich beendete eilends mein gefräßiges Schweigen und bot ihr mit einem meiner blitzgescheiten geistigen Rülpser Paroli: „Grummelchen, ich denke, dein aus dem Leim gegangenes Nervenkostüm müsste dringend in die Änderungsschneiderei …“

Illu: Hannes Naumann

Ihr folgendes Fettwegfeedback ließ zwar nur knapp eine Millisekunde auf sich warten, aber ich hatte längst meine Lauscher auf Durchzug geschaltet und mir bereits eine versierte Diagnose zurechtgelegt: Die arme Heidrun leidet wohl oder übel an „Verbaler Inkontinenz“. Ich kann endlos trinken, ohne Durst zu verspüren, sie kann sich endlos unterhalten, ohne ein Thema zu haben. Wo manche vom Hundertsten ins Tausendste kommen, erreicht Heidrun mit Leichtigkeit mehr Nachkommastellen der Zahl Pi wie andere Supercomputer vor ihr. Wenn jemand quasselt wie ein Buch, sabbelt sie wie die gesamte Staatsbibliothek. Will sie dir eine kurze Standpauke halten, erschallt ein furioses Festival aller bajuwarischen Kraftausdrücke. Möchte sie nur ein paar Takte mit dir quatschen, kumulieren sich diese subito zu einem orchestralen Requiem ad infinitum. Heidrun lamentiert jede Lappalie. Marginales wird von ihr genüsslich verhackstückt, dann ihr Senf dazugegeben und abschließend so lange durchgekaut, bis ihre Zunge ganz fusselig geratscht ist.


Just beschwerte sich Heidrun: „Abend für Abend sitzen wir nur stumm vor dem Fernseher, nie bringst du Abwechslung in unsere Bude …“ Ich, der ich selbst nach dem Sex nur mit meiner Frau spreche, wenn ein Telefon in der Nähe ist, war mir der enormen Wichtigkeit meiner Erwiderung bewusst und konterte prompt: „Dann lass uns doch die Plätze tauschen …“

© 09/2011 by Christoph Brandt
Text aus der Rubrik “curt vergleicht”, curt Magazin München #69,  www.curt.de

14
Sep 2011
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KATEGORIE Hirnverbrandtes
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