Fernöstlicher Weinboom …

Der asiatische Bierdurst ist hinlänglich bekannt, macht dieser sich doch etwa dadurch bemerkbar, dass uns Münchnern von Jahr zu Jahr die begehrtesten Wiesn-Tische vom fernen Osten aus vor der Nase weggefaxt werden. Für ein derartiges Phänomen mag der vinophile weinbrandt nur ein müdes Lächeln übrig haben. Beim Gedanken, dass die Menschen aus dem Land der aufgehenden Sonne mehr und mehr Geschmack am vergorenen Rebensaft finden, läuft es ihm allerdings eiskalt den Buckel herunter.

Der weinbrandt misstraut allem Fremden, es sei denn, es lässt sich trinken. Und ein Gläschen in Ehren möchte er bestimmt nicht einmal dem gemeinen Japanesen verwehren. Seit jedoch der 2004 erstmals erschienene Wein-Manga-Comic „Der Tropfen Gottes“ immer bekannter und mittlerweile millionenfach verschlungen wird, schießen in ganz Asien Vinotheken wie Pilze aus dem Boden. Mit dem bunten Büchlein in der Hand ordern die urplötzlich zu Weinseligen Bekehrten am liebsten jene französischen Etiketten, die in der für sie heiligen Handlung des erhellenden Comics vorkommen. Da passiert es, dass beim vorher kaum namhaften Bordelaiser Gut Château Mont-Pérat auf einen Schlag 20.000 Flaschen bestellt werden oder über Nacht der Verkaufspreis des 2003er Château le Puy von anfänglich 18 Euro auf stattliche 1.000 Euro pro Pulle klettert. Unvermittelt lassen japanische Touristenmassen das Hofbräuhaus unbesehen links liegen und bevölkern stattdessen die Probierstuben ihrer angehimmelten Winzer-Stars in Bordeaux.

Der weinbrandt wacht über die ungeheuerliche Preispotenzierung mit Argusaugen und fragt sich zudem, warum der Chinese ihn, den ehemaligen West-Deutschen, in letzter Zeit ständig so schelmisch anlächelt? Nein, nicht etwa, weil die Chinesen die Mauer noch haben, sondern weil die aufstrebende Wirtschaft Chinas boomt. Will man hier bei einem prestigeträchtigen Anlass beeindrucken, gilt es als Statussymbol, seinem Geschäftspartner eine hochpreisige Bouteille zu kredenzen. Auf diese Weise demonstriert man seinem Gegenüber, wie weltläufig, kultiviert und von Erfolg gekrönt man ist. Selbst wenn manche dabei einen 1961er Château Latour mit eisgekühlten Soft-Drinks panschen. 2010 stieg China zum fünftgrößten Wein-Konsumenten weltweit auf, die hiesigen Händler setzen jährlich über drei Milliarden Euro um. Tendenz steigend. Das freut natürlich die Exporteure aus Frankreich, die die Preise folglich konstant in die Höhe treiben. Und es vergrämt den weinbrandt, da er sich gezwungenermaßen bald von seinen geliebten Rotweinen verabschieden und sich eher wieder dem zwar abgeschmackten, aber günstigeren Gerstensaft zuwenden muss.


Der weinbrandt rät: „Wein statt Bier, rat ich dir; Fanta im Wein, das lass sein!“

© 09/2011 by Christoph Brandt
Text aus der Rubrik “der weinbrandt rät …”, curt Magazin München #69, www.curt.de

BITTE ARTIKEL TEILEN! / PLEASE SHARE ARTICLE!
Share on Facebook0Share on Google+0Tweet about this on Twitter0Pin on Pinterest0Share on StumbleUpon0Share on LinkedIn0Buffer this pageShare on Tumblr0Email this to someone
19
Sep 2011
GEPOSTED VON
KATEGORIE Hirnverbrandtes
DISKUSSION 3 Kommentare
Trackback: http://www.hirnverbrandt.de/916/fernoestlicher-weinboom/trackback/

3 Responses to : Fernöstlicher Weinboom …

  1. Frank sagt:

    Ich haette Lust automatisch bei neuen Beitraegen auf dem laufenden zu bleiben, aber wo finde ich den Link zum RSS Feed ?

  2. Dave sagt:

    Mei, des is doch nix Neues…!?!

    LG, Dave

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *